Chinesisch

"Ich fürchte nicht den Himmel und nicht die Erde. Ich fürchte nur Ausländer, die Chinesisch sprechen." (chinesisches Sprichwort)

Chinesisch ist eine der ältesten Sprachen der Welt, außerdem ist die Sprache der Han die meist gesprochene Sprache der Welt. In der Volksrepublik China, Taiwan, Malaysia, Singapur, Hongkong und Macao überall sprechen die Menschen Chinesisch. Trotzdem kann es sein, dass sich auch diese Menschen nicht miteinander unterhalten könne, da Chinesisch in 8 Dialektgruppen aufgeteilt wird. Ein Chinese aus Hongkong und ein Chinese aus Peking werden sich mit größter Wahrscheinlichkeit so gut verständigen können wie ein Schwede und ein Portugiese, nämlich gar nicht.
Es gibt zwar die einheitliche Standardsprache Mandarin, jedoch gilt diese auch heute noch als Sprache der gebildeteren Mittelschicht, auf den Dörfern spricht man sowieso den örtlichen Dialekt. Mandarin ist eine Kunstsprache, die basierend auf dem Pekinger Dialekt entwickelt wurde und heute als Fremdsprache an den Schulen in China unterrichtet wird.

Trotz aller Dialekte gibt es etwas, das überall in der chinesischen Welt nahezu einheitliche ist: die Schrift. Darum kommt der chinesischen Schrift eine sehr wichtige kulturelle Rolle zu, aber dazu später. 

Die 4 Töne
Sie sind für jeden, der sich der Herausforderung der chinesischen Sprachen zu stellen wagt, die erste und vermutlich auch schwierigste Hürde, was das Sprechen angeht. Jeder Ausländer wird wohl sein Leben lang einen mehr oder weniger starken Akzent mit sich herumschleppen, da diese 4 Töne für westliche Ohren und Münder schwer zu unterscheiden sind.

Chinesisch ist eine Silbensprache und je nach Betonung ändert sich der Sinn der Silbe. Der erste Ton ist hoch und auf gleichbleibender Tonhöhe gesprochen. Die Silbe ma im 1. Ton bedeutet "Mutter". Im 2. Ton gesprochen, der ansteigt, bedeutet dieselbe Silbe jedoch "Hanf". Der dritte Ton geht nach unten und steigt anschließend wieder an. Er gibt der Silbe die Bedeutung "Pferd". Der 4. Ton ist vermutlich der einfachste, hier wird die jeweilige Silbe fallend und knapp betont. Mà im 4. Ton heißt "schimpfen".

1. Ton mā (Mutter)
2. Ton má (Hanf)
3. Ton mă (Pferd)
4. Ton mà (schimpfen)

  Diese Betonungsprobleme führen natürlich oft zu einigen Verwechslungen von gleich anmutenden Wörtern, wie z. B. shŭijiăo (Ravioli) - shuìjiào (schlafen) oder yào (wollen) - yăo (beißen).
Insgesamt gibt es 411 verschiedene Silben, die jeweils auf 4 verschiedene Arten betont werden können. Wer jetzt jedoch denkt, dass es auch nur 1600 Wörter gibt liegt falsch. Gleich klingende Wörter sind sehr häufig anzutreffen und hieraus ergibt sich eine weitere Schwierigkeit. Viele Wörter werden aus diesem Grund mit einem zweiten Wort als kombiniert um die Bedeutung klar hervorzuheben. 
Bsp.: Obst heißt shuĭguŏ und ist aus den beiden Wörtern für Wasser (shuĭ) und Obst (guŏ) zusammengesetzt. Die einzelne Silbe guŏ kann Obst aber auch einwickeln heißen. Wer aber weder aus der Zusammensetzung noch aus dem Kontext schlau wird, der lässt sich das betreffende Wort einfach aufschreiben. An den Schriftzeichen lässt sich der Sinn sofort ablesen.

Es gibt eine Theorie zur Entwicklung der 4 Töne, die sich allgemein als die plausibelste erwiesen hat. Danach neigen Sprachen im Laufe der Zeit immer mehr dazu, sich abzuschleifen, lautärmer zu werden. Dadurch fällt es dem Sprechen schwer, die Silber zu differenzieren, dies geschieht nun durch unterschiedliche Betonung. So wurde laut Theorie aus den Silben li, lie, liei die drei Töne lī, lí und lĭ. Die Unterscheidung einzelner Silben und somit ganzer Wörter hängt nun also nur noch von der richtigen Betonung ab. Es wäre also so, als würde aus den Wörtern bis, Bild, Birne und Biss die Silbe bi mit 4 verschiedenen Betonungen, die es erlauben, die 4 Silben überhaupt noch zu differenzieren.

Zählwörter
Die Tatsache, dass das Chinesische über eine Fülle an Zählwörtern verfügt, bringt so manchen an den Rand der Verzweiflung. Gut das deutsche besitzt auch einige Zählwörter wie ein Paar Schuhe, ein Glas Wasser, eine Flasche Wein. Die Chinesen jedoch brauchen für alles und so gut wie immer ein Zählwort. Es gibt Zählwörter für Lieder, Brunnen, Familienmitglieder, Stifte, gebundene Bücher, Blätter, Hosen, Pullover usw. Näheres möchte ich Euch ersparen...könnte sonst zu abschreckend werden. Beruhigend ist jedoch, dass auch viele Chinesen manchmal nicht so ganz wissen, welches Zählwort man denn wofür nimmt.

Neue Wörter
Entgegen vieler Vermutungen ist die chinesische Sprache sehr anpassungsfähig und hat absolut keine Probleme damit, neue Wörter in die bestehende Sprache zu integrieren. So werden Begriffe wie Computer, Fernseher, Bagger oder Wecker einfach sinngemäß übersetzt und durch ältere, schon existierende Schriftzeichen und Wörter sinisiert.

Computer diànzĭ jìsuànjī (elektrisches Gehirn)
Wecker nàozhōng (Krachuhr)
Fernseher diànshiì (elektrisches Sehen)

Grammatik
Zur Beruhigung kann ich da nur sagen, dass die Grammatik im Prinzip und theoretisch leicht ist. Die Wörter haben kein Geschlechter, es gibt weder Artikel noch Pluralformen, es wird nicht dekliniert oder konjugiert und man muss sich nicht mit unregelmäßigen Verben herumschlagen. 

Trotz aller theoretischen Einfachheit ist aber gerade die Grammatik sehr gewöhnungsbedürftig, weil keine vertrauten Strukturen vorhanden sind. Der Satzbau ist so ziemliche das Gegenteil von dem, was man sonst gelernt hat oder gewohnt ist.

Wer sich jetzt aber denkt juhu ich lern Chinesische den möchte ich nur mal kurz daran erinnern, dass da immer noch die 4 Töne warten, ein paar tausend Schriftzeichen. Außerdem ist Chinesisch nicht nur das, was gesagt wird, sondern vielmehr das, was ungesagt bleibt.

Die Entwicklungsstufen der chinesischen Sprache

bis 500 v. Chr. Protochinesisch (dem Tibetischen sehr ähnlich, beide Sprachen haben dieselbe Wurzel)
bis 600 n. Chr. Archaisches Chinesisch (Rekonstruktion über Sanskrit)
bis zum 13. Jhdt. Altchinesisch (hier gab es noch 8 Töne, dem heutigen Kantonesisch sehr ähnlich)
seit dem 13. Jhdt. Neuchinesisch (Basis des Mandarin-Chinesisch)

Aussprache und Sprachstruktur haben sich im Laufe der Zeit erheblich verändert. Nur die Schrift ist in ihrer heutigen Form nahezu unverändert geblieben. Die früheren Sprachstufen weisen eine Vieldeutigkeit auf, die der modernen Sprache völlig fehlt. Diese ist spezifischer und genauer. Heute heißt shū nur noch Buch, früher war es ein allgemeiner gefasster Begriff wie Schrifttum, Bücher, Schriften etc. Vorteil der heutigen Sprache ist die einfachere Übersetzbarkeit. Alte Schriften wie z. B. das Laozi liegen in über 100, teilweise völlig unterschiedlichen, Übersetzungen vor.


Schrift

hanzi

Die chinesischen Schriftzeichen sind die ältesten, noch gebräuchlichne Schriftformen der Welt. Ursprünglich waren diese Zeichen eine Bilderschrift mit Piktogrammen oder Ideogrammen. Auch heute noch machen Piktogramme einen kleinen Teil der über 50 000 Schriftzeichen aus. So z. B. das Zeichen für Frau Frau
. Ideogramme sind kombinierte Schriftzeichen, die aus 2 Piktogrammen zusammengesetzt wurden. So bedeutet die Frau unter dem Dach Frieden, das Schwein unterm Dach heißt Zuhause, der Vogel im Nest steht für Osten, die Sonne hinter dem Baum heißt Osten.
Dieses Zeichen heißt Mann Mann und bedeutet Kraft auf dem Feld.
Solche Ideogramme sind einfach zu lernen, sofern man sich die einzelne Bedeutung der kombinierten Zeichen merkt. 90% aller Zeichen sind jedoch aus einem graphischen Element und einen lautlichen Element zusammengesetzt. Das graphische Element gibt Auskunft über die Bedeutung bzw. Zum Themenbereich des Zeichens, die lautliche Komponente gibt Hinweise zur Aussprache.

Es ist also nicht so, dass jedes Schriftzeichen für sich völlig einzigartig ist. Es gibt verschiedenste Elemente, die miteinander kombiniert werden. Das ergibt mal einfachere und mal sehr komplizierte Zeichen. Wer sich die einzelnen Bedeutungen der Zeichen und ihre Kombinationen merkt, der tut sich beim Lernen etwas leichter. Trotzdem ist der Lernaufwand enorm und sehr zeitaufwendig. Und einmal gelernt ist ein Zeichen noch lange nicht abgehakt...wer nicht regelmäßig schreiben übt, der vergisst innerhalb kürzester Zeit wieder alles.

Übrigens, um Zeitung lesen zu können, sollte man sich einen Schriftzeichenschatz von circa 2000 bis 3000 Zeichen anlernen. Gebildete Chinesen bringen es auf 5000 bis 10000 Zeichen.

Die Aussprache
Kein Zeichen sagt dem Leser, wie es ausgesprochen oder betont wird, das muss man einfach lernen und im Langzeitgedächtnis festnageln. Außerdem kann es in einigen Fällen sein, dass ein Zeichen auf 2 oder sogar 3 unterschiedliche Arten ausgesprochen wird.

Wörterbücher
Die Suche im Wörterbuch gestaltet sich recht einfach, wenn man einen deutschen Begriff hat und diesen auf Chinesisch haben will. Auch das passende Zeichen zu einem chinesischen Wort ist schnell gefunden, wir haben ja ein Alphabet. Sobald man jedoch ein Zeichen hat und die dazu passende Aussprache sucht wird's mehr oder weniger lustig. Man hat 3 verschiedene Möglichkeiten:

1. Radikalsuche
Es gibt insgesamt 214 (erweitert 224) sogenannte Radikale. Dies sind die Hauptbestandteile des Zeichens, die ihm "Sinn" geben. Meist sind dies die vorher schon erwähnten graphischen Elemente. Es kann jedoch ebenso sein, dass das Zeichen an sich ein radikal ist. Wer das Radikal gefunden hat (Übung macht den Meister) findet nun unter der jeweiligen Radikalnummer eine Liste der Zeichen, die das jeweilige Radikal beinhalten. Diese Liste muss man jetzt durchsuchen, dahinter steht eine Nummer unter der man die Bedeutung und Aussprache dann im Hauptteil des Wörterbuches nachschlagen kann. 

2. Strichanzahl
Die nächste Möglichkeit ein Schriftzeichen im Wörterbuch zu finden ist die Anzahl der Striche. Hierfür muss man das Zeichen natürlich schreiben können und wissen, welche Striche einzeln und welche kombiniert gezählt werden. Hier zwei Beispiele, bei denen die blau markierten Strich als ein einzelner gezählt werden:
Strichanzahl Strichanzahl

 3. Aussprache
Das klappt natürlich nur, wenn man einen Chinesen parat hat, der lesen kann. Dann schlägt man unter der entsprechenden Aussprache und Betonung nach. Geordnet sind die Zeichen meistens nach dem uns bekannten Alphabet.

Langzeichen/Kurzzeichen
1949 kam es unter der kommunistischen Regierung in der Volksrepublik zu einer Schriftreform. Mit Hilfe dieser Reform sollte der Anteil der Analphabeten an der Bevölkerung gesenkt werden. Hierzu wurden die gebräuchlichsten Schriftzeichen "vereinfacht", d.h. die Strichanzahl wurde reduziert. Dies wurde teilweise auch erreicht, jedoch eher durch die Einführung der Schulpflicht. Durch die Reform ging auch die Bildhaftigkeit der einzelnen Zeichen verloren. Viel folgenschwerer ist jedoch die Tatsache, dass viele jüngere Chinesen, die nur die Kurzzeichen lernen, Schwierigkeiten mit den komplizierteren Langzeichen haben und diese kaum mehr lesen können. Alte Texte aber auch Texte aus anderen chinesischsprachigen Ländern bleiben so für diese Menschen verschlossen. Kurzzeichen sind nur in der VR gebräuchlich; Taiwan, Malaysia, Hongkong, Singapur und Macao benutzen nach wie vor die alten Schriftzeichen.
Hier ein Beispiel: Langzeichen ist das Langzeichen für guo (Land) das Kurzzeichen sieht jedoch so Kurzzeichenaus. Die Aussprache bleibt gleich!
Auch das Zeichen für Liebe wurde vereinfacht. Das alte Langzeichen Liebe unterscheidet sich schon etwas vom neuen Kurzzeichen Kurzzeichen

Kalligraphen schreiben genauso nur Langzeichen, da sie die fehlende Ästhetik der neuen Zeichen kritisieren. Die Kunst des schönen Schreibens hat in China einen sehr großen Stellenwert. Um ein für chinesische Augen formvollendetes Zeichen schreiben zu können braucht man mindestens 10 Jahre Übung. Die Kalligraphie ist eine Kunstform, der sich fast alle Asiaten verbunden fühlen, da die Schrift das ist, was die Menschen vereint.

Übrigens legen die Chinesen auch sehr großen Wert auf eine schöne Handschrift, eine Tatsache, die uns Westler kalt lassen sollte. Wir sollten uns wohl damit zufrieden geben, überhaupt schreiben zu können.

Umschrift
Natürlich sind Lerntexte alle auch in Umschrift oder nur in Umschrift geschrieben. Die gebräuchlichste Umschrift ist pīnyīn. Das System wurde von Mao eingeführt und hat sich mehrheitlich durchgeführt. Es existieren jedoch noch sehr viele andere Systeme.

Zhuangzi (pīnyīn), Chuangtse, Dschuang Dsi sind ein und dasselbe Wort nur in drei unterschiedlichen System geschrieben.

Aus diesem Grund verzichte ich auf eine komplette Tafel mit Aussprachehinweisen zu den einzelnen Lauten.

 

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Hundert Jahre reichen nicht, um aufzubauen. Um zu zerstören ist ein Tag zu viel.